Ein Kaninchen bei den Sozis
redblog - 30. Oktober, 06:23 -
Wie bereits in den letzten sechs rief das ND auch in diesem Herbst wieder ihre Leserschaft auf beim "Leser-Geschichten-Wettbewerb" mitzumachen. Nicht unbedingt spannend möchte man meinen, nicht so die gestern veröffentlichte Geschichte. Klaus H. Jann, "linkes Urgestein" aus Wülfrath, beschreibt in seiner Geschichte, wie seine Familie entschied ihr Kaninchen Biggi bei der SPD eintreten zu lassen. Sehr genial, das machte meinen Tag. Bei dem hier vorliegenden Text handelt es sich um die "Rohfassung", die Klaus zur Verfügung stellte, Unterschiede zur im ND veröffentlichten Fassung können also auftreten. Dank an Klaus. Als Biggi in die SPD eintrat…
Eine wahre Geschichte aus den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Geschehen im rheinischen Wülfrath.
Ach, die SPD. Unsere SPD. Oder sollen wir besser sagen: Unsere arme SPD. Wie auch immer: Die Mitglieder rennen ihr in Scharen davon. Seit Jahren. Ununterbrochen…
Das war allerdings schon einmal anders. Da war unsere SPD im Aufwind. Da war die SPD sogar mal bestimmende Regierungspartei. Und unter Willy Brandt war es für viele sogar attraktiv, bei den Sozis mitzumachen. So richtig mit Parteibuch und so…
Es war im Herbst 1982, also genau vor 25 Jahren, da startete die SPD eine bundesweite Mitgliederkampagne. Auch in unserem Briefkasten landete damals ein Flugblatt der SPD "Jetzt mitmachen. Jetzt Mitglied werden."
Das Flugblatt mit dem angefügten Aufnahmeschein landete auf unserem Küchentisch. Na klar, wir wollten den Genossen helfen. Aber wie? Ein Blick in unsere Familienrunde machte schnell deutlich: Alle waren schon organisiert. Vater und Mutter in der DKP, der Sohn Sascha bei der SDAJ und die kleine Inga turnte bei den Jungen Pionieren mit…
Also, was tun? Da fiel unser aller Blick auf Biggi, unser Kaninchen, die schwarze Streichelfreundin der Tochter. Die war noch nirgends "drin", hatte noch kein einziges Mitgliedsbuch. Also beschlossen wir: Biggi tritt in die SPD ein.
Wir füllten den Aufnahmeschein aus. Name: Hase. Vorname: Biggi. Beruf: Lehrling und "w" für weiblich. Und dann – per Post - ab mit dem Scheinchen zum SPD-Unterbezirksbüro.
Wir hatten unserem Spaß – in der Familie und bei den Freunden, denen wir davon erzählten. Doch damit war der Gag schnell vergessen. Bei uns. Nicht jedoch bei der SPD. Nach drei Wochen kam Post an. Von der SPD und für Biggi Hase. Unsere Biggi wurde sehr herzlich als neues Mitglied der ruhmreichen SPD begrüßt und zur Aufnahmefeier eingeladen…
Aber wir waren uns in der Familie schnell einig: Da lassen wir unsere Biggi – schon gar nicht alleine – nicht hin. Also haben wir den Brief einfach unter den Tisch fallen lassen. Aber die SPD war hartnäckig: Erst kam Post von den Jusos (wir hatten als Alter von Biggi 16 Jahre angegeben), später auch von der ASF, der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen (denn Biggi war ja eine "Sie").
Wir waren festen Glaubens: "Das wird vergehen. Die SPD wird aufgeben…" Aber: Vertan, vertan! Nach rund einem Monat kam dann Post aus Bonn – aus der SPD-Zentrale. Und das ganze per Einschreiben. Was war im Brief? Wir staunten alle: Biggis Parteibuch, richtig rot und vom Kreisgeschäftsführer unterschrieben.
Da hatten wir nun eine lebendige Sozialdemokratin in unseren Reihen, in unserer Wohnung. Sicher, unsere Biggi wusste von alledem nichts und sie gab auch eine "Widerworte", wenn der Rest der Familie weiter in Sachen "Revolution" unterwegs war. Wir warteten nur immer darauf, dass endlich einmal einer von der richtigen SPD bei uns klingeln und Kontakt zum neuen Mitglied aufnehmen würde.
Aber nix passierte. Kein Kontakt, keine Mitgliederbetreuung. Gut, in die Abo-Reihe des "Vorwärts" war Biggi inzwischen auch aufgenommen worden – und so konnten wir wenigsten – für all’ die Mühe – ein Jahr lang kostenlos die SPD-Zeitung lesen.
Doch dann wollten wir – alles natürlich in Abstimmung mit dem Kaninchen Biggi – einen Schlussstrich ziehen. Wie waren uns einig: Eine Partei, die ein Jahr lang keinen Kontakt zu einem neuen Mitglied sucht, kann nicht die richtige sein. Also schrieben wir einen "Offenen Brief" an die SPD, ließen Biggi (versehen mit ihrem Bild) ihre Erfahrungen mit einem Jahr SPD-Dabeisein schildern. Und unsere Biggi erklärte öffentlich ihren Austritt. Diesen Brief verteilten wir an die Delegierten eines bei uns tagenden SPD-Unterbezirksparteitages.
Und das Ergebnis: Die Sozialdemokraten unserer Stadt sprachen mindestens ein Jahr lang nicht mit uns, der Familie Jann. Doch: Wir haben's überlebt, glauben immer noch irgendwie an die Revolution. Und die SPD wird kleiner und kleiner. Wohl solange, bis sich wieder irgendein Kaninchen aufrafft… Unsere Biggi ist längst im Hasenhimmel. Aber wir haben ja noch einen Hund.
Klaus H. Jann, Wülfrath

Eine wahre Geschichte aus den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Geschehen im rheinischen Wülfrath.
Ach, die SPD. Unsere SPD. Oder sollen wir besser sagen: Unsere arme SPD. Wie auch immer: Die Mitglieder rennen ihr in Scharen davon. Seit Jahren. Ununterbrochen…
Das war allerdings schon einmal anders. Da war unsere SPD im Aufwind. Da war die SPD sogar mal bestimmende Regierungspartei. Und unter Willy Brandt war es für viele sogar attraktiv, bei den Sozis mitzumachen. So richtig mit Parteibuch und so…
Es war im Herbst 1982, also genau vor 25 Jahren, da startete die SPD eine bundesweite Mitgliederkampagne. Auch in unserem Briefkasten landete damals ein Flugblatt der SPD "Jetzt mitmachen. Jetzt Mitglied werden."
Das Flugblatt mit dem angefügten Aufnahmeschein landete auf unserem Küchentisch. Na klar, wir wollten den Genossen helfen. Aber wie? Ein Blick in unsere Familienrunde machte schnell deutlich: Alle waren schon organisiert. Vater und Mutter in der DKP, der Sohn Sascha bei der SDAJ und die kleine Inga turnte bei den Jungen Pionieren mit…
Also, was tun? Da fiel unser aller Blick auf Biggi, unser Kaninchen, die schwarze Streichelfreundin der Tochter. Die war noch nirgends "drin", hatte noch kein einziges Mitgliedsbuch. Also beschlossen wir: Biggi tritt in die SPD ein.
Wir füllten den Aufnahmeschein aus. Name: Hase. Vorname: Biggi. Beruf: Lehrling und "w" für weiblich. Und dann – per Post - ab mit dem Scheinchen zum SPD-Unterbezirksbüro.
Wir hatten unserem Spaß – in der Familie und bei den Freunden, denen wir davon erzählten. Doch damit war der Gag schnell vergessen. Bei uns. Nicht jedoch bei der SPD. Nach drei Wochen kam Post an. Von der SPD und für Biggi Hase. Unsere Biggi wurde sehr herzlich als neues Mitglied der ruhmreichen SPD begrüßt und zur Aufnahmefeier eingeladen…
Aber wir waren uns in der Familie schnell einig: Da lassen wir unsere Biggi – schon gar nicht alleine – nicht hin. Also haben wir den Brief einfach unter den Tisch fallen lassen. Aber die SPD war hartnäckig: Erst kam Post von den Jusos (wir hatten als Alter von Biggi 16 Jahre angegeben), später auch von der ASF, der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen (denn Biggi war ja eine "Sie").
Wir waren festen Glaubens: "Das wird vergehen. Die SPD wird aufgeben…" Aber: Vertan, vertan! Nach rund einem Monat kam dann Post aus Bonn – aus der SPD-Zentrale. Und das ganze per Einschreiben. Was war im Brief? Wir staunten alle: Biggis Parteibuch, richtig rot und vom Kreisgeschäftsführer unterschrieben.
Da hatten wir nun eine lebendige Sozialdemokratin in unseren Reihen, in unserer Wohnung. Sicher, unsere Biggi wusste von alledem nichts und sie gab auch eine "Widerworte", wenn der Rest der Familie weiter in Sachen "Revolution" unterwegs war. Wir warteten nur immer darauf, dass endlich einmal einer von der richtigen SPD bei uns klingeln und Kontakt zum neuen Mitglied aufnehmen würde.
Aber nix passierte. Kein Kontakt, keine Mitgliederbetreuung. Gut, in die Abo-Reihe des "Vorwärts" war Biggi inzwischen auch aufgenommen worden – und so konnten wir wenigsten – für all’ die Mühe – ein Jahr lang kostenlos die SPD-Zeitung lesen.
Doch dann wollten wir – alles natürlich in Abstimmung mit dem Kaninchen Biggi – einen Schlussstrich ziehen. Wie waren uns einig: Eine Partei, die ein Jahr lang keinen Kontakt zu einem neuen Mitglied sucht, kann nicht die richtige sein. Also schrieben wir einen "Offenen Brief" an die SPD, ließen Biggi (versehen mit ihrem Bild) ihre Erfahrungen mit einem Jahr SPD-Dabeisein schildern. Und unsere Biggi erklärte öffentlich ihren Austritt. Diesen Brief verteilten wir an die Delegierten eines bei uns tagenden SPD-Unterbezirksparteitages.
Und das Ergebnis: Die Sozialdemokraten unserer Stadt sprachen mindestens ein Jahr lang nicht mit uns, der Familie Jann. Doch: Wir haben's überlebt, glauben immer noch irgendwie an die Revolution. Und die SPD wird kleiner und kleiner. Wohl solange, bis sich wieder irgendein Kaninchen aufrafft… Unsere Biggi ist längst im Hasenhimmel. Aber wir haben ja noch einen Hund.
Klaus H. Jann, Wülfrath
Artikel bewerten:

0 Kommentare - Kommentar verfassen - 0 Trackbacks

























